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Дмитрий Быков, писатель и журналист
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Dmitri Bykow und Anastasia Mironowa // "Russland.news", 24. Januar 2017 
15th-Feb-2017 08:46 pm
berlin
Das Original: МОЗГ НАЦИЙ // "Новая газета", №6, 23 января 2017 года

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Das Hirn der Nation – Dmitri Bykow und Anastasia Mironowa diskutieren

Russische und ukrainische Intellektuelle können nicht mehr miteinander sprechen. Die „Nowaja Gaseta“ lässt Dmitri Bykow und Anastasia Mironowa diskutieren.

Dmitri Bykows These: „Die Wahl zwischen Freunden und Feinden erweist sich als undenkbar: Auf beiden Seiten kocht es derart, dass du zurückzuckst vor Horror.“

Anastasia Mironowas These: „Die Ukraine hat aufgehört, den Unterschied zwischen dem Alexandrow-Ensemble und einer SS-Division zu sehen, zwischen einer bei dem Flugzeugabsturz gestorbenen jungen Ballerina und Goebbels.“


Dmitri Bykow – Kolumnist der „Nowaja Gaseta“
Die Sprache des Feindes taugt nur für Flugblätter

Ich war schon (…) am Schreiben, als die Meldung kam, dass Poroschenko seine Firma „Roshen“ in Lipezk geschlossen hat. Dmitri Peskow betonte, das sei die Entscheidung der Aktionäre, damit die Fabrik weiterarbeiten kann (aber das ist eine typische Erklärung für Anhänger von Hybriditäten aller Art).

Das russische Establishment mag es eh gern, den Fisch zu essen und auch allem anderen nicht zu entsagen — damit die anderen Angst haben und zugleich Sympathie empfinden; damit man sich aufführen kann wie im Hinterhof, aber zugleich im Smoking speisen. In letzter Zeit gelingt ihnen das nicht sonderlich, obwohl noch ein Hybride aus Smoking und Hinterhof unlängst seinen Amtsantritt feiern konnte.

Ich will also Klarheit reinbringen – rein theoretische, ohne Appelle oder Bewertungen aller Art: Es wird niemanden gelingen, sein „Roshen“ am Leben zu erhalten. Träumen ist nicht verboten, ich träume selbst von den Zeiten, da die russisch-ukrainischen Verbindungen wieder fester werden und Moskau und Kiew als zwei slawische Kulturhauptstädte wieder ranggleich sind. Aber das wird nicht so bald geschehen, wenn überhaupt. In nächster Zeit werden es russischsprachige Dichter in Kiew gar nicht leicht haben, sie sind verdammt zu den gleichen Hetzkampanien wie die russische Opposition, und man sollte sich nicht über diese Kampanien beschweren.

Mehr noch: Sie können für alles Obama, Merkel, Putin die Schuld geben — das ist nicht prinzipiell (obwohl man sich in Wahrheit auch hier wird festlegen müssen), aber wenn die ukrainische Kultur überhaupt bestehen will, muss sie ukrainischsprachig werden.

Schlussendlich ähnelt das Polnische auch dem Russischen und hört sich für russische Ohren witzig zischelnd an, aber die Polen haben ihre eigene Kultur aufgebaut, obwohl sie zwei lange Jahrhunderte lang Teil des Russischen Kaiserreiches waren; und dabei geht es nicht nur um die lateinische Schrift, sondern um die Ausrichtung auf die eigene Sprache, auf die eigene emotionale Formation und den eigenen Moralkodex.

Eine Zeitlang können russische Interpreten noch in der Ukraine und ukrainische noch in Russland auftreten; das ist normal, so wie jeder Kulturaustausch. Aber singen und lesen werden sie in ihren eigenen Sprachen müssen. Die Nische für einen russischsprachigen Dichter verschwindet allmählich; sie wird unmöglich, denn das Russische wird als Sprache des Feindes wahrgenommen. Ob sie das ist – das ist eine andere Frage, die wir an dieser Stelle nicht erörtern werden; aber zu Zeiten des Krieges verschwinden die Nuancen, und nach dem zu urteilen, wie die Anführer und Anhänger der „Volksrepublik Lugansk“ und der „Volksrepublik Donezk“ handeln und sprechen, ist ein Krieg im Gange und hat nicht vor, zu Ende zu gehen. Ich bin der erste, dem es sehr leidtut, dass eine weitere Nische verwaist, dass die Welt wieder simpler wird (sie wird davon nicht besser), aber eine dritte Position wird unmöglich. Dafür haben beide Seite viel getan, aber im Grunde genommen ist das die Logik der Geschichte.

Die Zeitung „Nakanune“ („Am Vorabend“), die Bulgakow so treffsicher „Nunenaka“ nannte, existierte zwei Jahre (1922-1924). Sie versuchte ehrlich, nach dem Prinzip der Anhänger des „Wechsels der Wegzeichen“, die besten Emigranten und die Dagebliebenen zusammenzubringen, sie druckte alle künftigen „Weggefährten“ und Rückkehrer, aber schließlich verwaiste auch sie. Weil, junger Mann: entweder dahin oder hierhin.

Die ukrainischen Freunde tun mir herzlich leid, umso mehr, weil einige von ihnen ihr Image – und zum Teil ihren Status – auf so etwas wie einem Vermittlerposten zwischen den beiden Kulturen aufbauten (in der UdSSR gab es noch mehr Autoren, sie befassten sich mit Übersetzungen und der Organisation von Festivals und allgemein den brüderlichen Verbindungen; das war nicht leicht in schöpferischer Hinsicht, wurde aber gut bezahlt und warf auch etwas Kulinarisches ab (…)). In der Ukraine war es bis vor kurzem prestigeträchtig, in russischen „dicken Journalen“ zu publizieren und mit führenden russischen Schriftstellern und Literaturbeamten wie Redakteuren oder Verfassern von Sammelbänden befreundet oder auf gutem Fuß zu sein; heute wird daraus nichts mehr. Wenn Alexander Kabanow sich gegen die Umbenennung des Moskauer Prospekts in Bandera-Prospekt ausspricht (obwohl er diesen Post löscht und sich dann entschuldigt) — dann ist das normal; wenn er dafür heruntergemacht wird – dann ist das abstoßend. Aber wenn du dir die Liste derer anguckst, die in Russland für ihn eintreten, kommt dir auch der Schrecken hoch. Kabanow ist wirklich nicht zu beneiden, denn die Wahl zwischen Freunden und Feinden erweist sich als undenkbar: Auf beiden Seiten kocht es derart, dass du zurückzuckst vor Horror.

Aber was hilft´s – jeder von uns hat in letzter Zeit viele Freunde verloren; mich persönlich freut es nur, verkappte Neider losgeworden zu sein, denn vorher hatten sie sich doch allzu heftig über meine Probleme gefreut und sich, hatte ich Erfolg, gewunden; die Pasternaksche „Leidenschaft für Brüche“ sollte einem Dichter sowieso zu Eigen sein, denn sie rückt ihn in die Nähe einer normalen Einsamkeit, einer literarischen, aber auch einer sozialen. „Der Status der Halbinsel ist erschöpft, es überleben nur Inseln“, hat Ihr werter Autor vor drei Jahren in dieser Zeitung geschrieben. Die Spaltung des PEN-Zentrums erstaunt nicht dadurch, dass sie jetzt passierte, sondern deshalb, dass sie nicht früher geschah: Ich bitte Sie: Welche Schriftsteller-Organisation kann funktionieren, kämpfen und Entscheidungen treffen, wenn in ihren Reihen Moriz und Ulizkaja, Kudimowa und Rubinstein, Olessja Nikolajewa und Swetlana Alexijewitsch nebeneinandersitzen? Zum Lachen und zum Weinen. Es wird noch mehr solche Spaltungen geben, denn Kriegszeiten erlauben keine Abstufungen.

Einst sagte Adam Michnik: „In Polen ein Jude zu sein, ist eine interessante Herausforderung.“ Ja, aber nicht 1940. Mir hat es immer gefallen, gegen den Strom zu schwimmen, ich zog aus dem chronischen Verweilen in der Minderheit interessante Wahrnehmungen und Sujets, aber Kriegszeiten sehen solche Feinheiten nicht vor; eine Stellung beziehen müssen alle, die nicht die Verantwortung teilen wollen für offensichtlich faschistische Äußerungen und offensichtlich kriegerische Handlungen. Mit den einen und den anderen zu trinken, wird nicht mehr klappen.

Wir sind nicht die ersten, die ihre Freundschaften und Vergünstigungen opfern müssen: Letztendlich ist die russische Spitze in manchen europäischen Staaten auch nicht mehr gut gelitten, ein Teil davon fällt unter Sanktionen, andere können ihre Arztrechnung nicht mehr mit der Kreditkarte bezahlen… Wieso soll es uns besser ergehen als Rotenberg und Timtschenko?

Manche Autoren zogen aus ihrem Grenzgängertum ganze künstlerische Konzeptionen, bauten darauf ihre lyrische Selbstfabrik, und das war interessant — so wie zum Beispiel die österreich-ungarische Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts interessant war. Das war ein herrlicher, zum Untergang verurteilter Raum, der uns Kafka, Meyrink und Joseph Roth schenkte. Sie alle fühlten sich dort nicht wohl, aber wer fühlte sich schon wohl im Europa jener Zeiten? Aber 1918 hörte Österreich-Ungarn auf zu existieren. Der Typus der ruhelosen Vorabend-Literatur verschwindet ebenfalls, wenn das erwartete Ereignis — meist ein katastrophales — schließlich eintritt. Dann wird das Genre der angstvollen Erwartung von der Kriegschronik abgelöst, und dann schreiben die Gewinner die Geschichte. Die ukrainische Doppelheit ist zu Ende. Die Ukraine ist nicht länger Kleinrussland.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die russischsprachigen Schriftsteller der Ukraine massenhaft nach Russland ziehen sollen, wo man sie jetzt übrigens mit offenen Armen empfangen würde. Ich denke, das wäre ehrlicher von beiden Seiten. Aber die Epoche des Internets macht die Frage nach dem Wohnsitz eines Schriftstellers obsolet und verwandelt sich in eine zutiefst alltägliche. Man kann in der Ukraine leben und sich in Russland drucken lassen; aber in der Ukraine leben und dort auf Russisch publizieren – ich fürchte, das ist bereits nicht mehr vorstellbar. In Kriegszeiten werden in der Sprache des Feindes nur Flugblätter gedruckt — im Sinne: ergib dich. Ein guter Dichter wird sich sicher nicht in diesem Genre üben. Nur Kurt Wan aus Fedins Roman* war fähig, sich über den Bruch mit Andrej Starzow und die Simplifizierung seiner fürchterlich komplizierten modernistischen Welt zu freuen — aber Wans Position ist irgendwie gewinnbringender und ganz sicher direkter als die von Starzow. Traurig, diese Überlegungen auf die Perspektiven des russischen Andersdenkens hochzurechnen.

* Der Roman „Städte und Jahre“ von K. Fedin entstand 1924. Die Protagonisten Andrej Starow und Kurt Wan, ein Russe und ein Deutscher, sind Künstler und durchschreiten Freundschaft und Verrat, Länder und Revolutionen.

Anastasia Mironowa
Die Ohren mit Wattejacken gestopft

Das vergangene Jahr war für Russen und Ukrainer eine Zeit des Umbruchs. Wir, zwei Völker, sind endgültig zwei unterschiedliche Wege gegangen. Und gerade in den letzten Monaten haben die ukrainischen Patrioten die Unterstützung eines bedeutenden Teils der prowestlich eingestellten russischen Intelligenz und jene politisch aktive Mittelklasse verloren.

Meiner Ansicht nach haben sich in den russisch-ukrainischen Beziehungen 2016 zwei Desaster ereignet. Das eine heißt „ukrainischer Patriotismus“, das andere „Gegenpropaganda“.

Beide haben unsere Nachbarn derart aufgestachelt, dass sie – genährt durch fast drei Jahre Krieg – den Ukrainern einen mächtigen Opferkomplex beschert haben. Zuerst flehten die davon befallenen Menschen das russische Volk mit Bitten an, gegen den Krieg und die Entscheidungen des Kremls aufzutreten. Daraufhin zog unsere progressive Klasse bereitwillig und unter Risiko für die Freiheit zu Antikriegsdemos, die 2014 und 2015 wie Wellen über Russland hinwegrollten, auf die Straße.

Aber es reichte den Ukrainern nicht, als wir nur den Krieg verurteilten. Zuerst legten sie uns, den russischen Wählern, die Verantwortung für die Krim und den Donbass auf, und dann verlangten sie sogar, dass wir uns selbst verurteilen und die kulturelle und gar evolutionäre Überlegenheit der Ukrainer über die Russen anerkennen. Dann kamen Botschaften der Art nach Russland, in was für einem Dreck wir alle leben, und wie sauber, satt und hochgeistig dabei die Ukraine lebt: keiner wirft Müll auf die Straße, alle sprechen einander mit „Sie“ an, und jedes Haus hat Kanalisation. Heute achtet die politisierte ukrainische Öffentlichkeit in Russland nur die Patrioten der Ukraine, also nur jene Russen, die in der ukrainischen Presse Kommentare über den genetischen Sklavenkode der Russen und darüber platzieren, was wir alle doch für ausgemachte Siebenmonatskinder sind. Alle anderen werden mit dem geschmacklosen Wort „Wattejacken“ bezeichnet. Ende Dezember, kurz vor der Jahreswende, wurde selbst Viktor Schenderowitsch zur „Wattejacke“ gekürt. Der doch nichts weiter getan hatte, als sich zu weigern, sich über das abgestürzte Flugzeug mit den Sängern zu freuen.

Erstmals seit Ende 2013 ist ein Gespräch von Russen mit der politisch aktiven ukrainischen Bevölkerung unmöglich geworden. Und das ist gesetzmäßig.

Die in Russland ankommenden ukrainischen Gespräche haben sich zu einem großen Klumpen aus Hass, Angst und Panikmache vereint. Mit Getöse ist er im Dezember auf uns niedergegangen.

Die Ukrainer haben plötzlicher mit vollem Ernst damit angefangen, Russland mit dem Dritten Reich zu vergleichen. Jetzt sind sie überzeugt, dass Russland für sie Hitlerdeutschland ist und wir Russen allesamt Nazis sind.

Die Ukraine, die die deutsche Besatzung durchleben musste, hat aufgehört, einen Unterschied zwischen dem Alexandrow-Ensemble und einer SS-Division zu sehen, zwischen einer bei dem Flugzeugabsturz gestorbenen jungen Ballerina und Goebbels. Und glaubt, dass der Tod von Sängern oder von Irkutsker Alkoholikern die militärischen Reihen des Feindes schwächt.

Ich weiß nicht, was mit der politisch aktiven Bevölkerung der Ukraine geschehen ist, aber es ist äußerst unnormal. Schenkt man Rosstat (das Moskauer Statistikamt – Anm. d. Ü.) Glauben, fährt jährlich mindestens jeder neunte erwachsene Ukraine nach Russland, meist um zu arbeiten; der Anteil der Gegner der Visapflicht ist auf 52 Prozent gestiegen. Das ist genauso, als würden während des Zweiten Weltkriegs 20 Millionen sowjetische Bürger nach Hitlerdeutschland reisen, um sich ein Zubrot zu verdienen.

Unsinn? Auch der Vergleich des heutigen Russland mit dem Dritten Reich ist Unsinn. Die Lage in der Ukraine ist komplizierter. Und jene Tausende und Zentausende ukrainische Stimmen, die über die sozialen Netzwerke und die ukrainische patriotisch gestimmte Presse zu uns dringen, kennen ihr eigenes Volk nicht und haben keine Vorstellung von seinen wahren Interessen. Und die russische Gesellschaft kennen sie schon mal gar nicht.

Bis zur Geistestrübung hat die Propaganda die politisierten Ukrainer gebracht. Oder besser: die Gegenpropaganda. Die in Russland nicht weniger aufdringlich ist als in Russland die russische. Der Unterschied besteht nur darin, dass in der ukrainischen Propaganda weniger Geld unterwegs ist, deshalb ist sie plumper. Und bringt solche plumpen Ergebnisse hervor. Nicht verwunderlich: Was kann eine Propaganda schon hervorbringen, die auf Schritt und Tritt lügt, das Benzin koste in Russland 200 Rubel und neun Zehntel der Russen würden jeden Tag mit Hass an die Ukraine denken?

Liebe Ukrainer, ich muss euch enttäuschen: Das Benzin ist bei uns billiger als bei euch, und die meisten Russen denken überhaupt nicht an die Ukraine.

Auch ich höre bald auf zu denken. Mich interessieren die Opfer des propagandistischen Auswurfs nicht – sei es auf der anderen Seite der Grenze, sei es auf dieser.
Comments 
16th-Feb-2017 01:42 pm (UTC)
Слава Украине! Украина юбералес!
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